DIE TAGE DER ÜBERSCHWEMMUNG: EINE REPORTAGE

 

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Der zerstörerische Verlauf der Hochwasserflut

Samstag , den 5. November 1994

Es ist schon der dritte Regentag, aber die Stimmung ist wie immer.
Um die Stadt herum treten die Kanäle wie gewöhnlich über und die Leute kommentieren, dass es sich um die üblichen Gräben handelt, die nicht rechtzeitig vom Unkraut befreit wurden. Das sind jedoch die ersten Anzeichen der Katastrophe.
Mittlerweile steigt der Tanaro-Wasserstand.
Schon um 6:00 Uhr schickt die Po-Aufsichtsbehörde ein Fax, um einige Gemeinden (darunter Alessandria) wegen des andauernden Unwetters in Alarmbereitschaft zu versetzen. Neugierige Leute versammeln sich auf der Zitadellenbrücke, um den Wasserstand zu überwachen aber ihre Blicke verraten die wachsende Angst.
Um 24:00 Uhr ordnet die Bürgermeisterin die Verkehrssperre an, so dass die Autos statt über die Zitadellenbrücke über die Orti-Brücke fahren müssen oder zur Autobahn umgeleitet werden.

 

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Neugierige Leute auf der Zitadellenbrücke

Sonntag, den 6. November 1994


Um 3:00 Uhr wird die Orti-Brücke gesperrt. Die meisten Stadtbewohner schlafen ruhig, weil sie unwissend oder trotz allem optimistisch sind.

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Um 6:17 Uhr leitet die Präfektur eine Meldung der Po-Aufsichtsbehörde weiter, um alle Gemeinden über die Übertretung des Tanaro im Asti-Gebiet zu informieren. Eine bevorstehende Wasserflut in Alessandria wird darin vorausgesagt und es wird gefordert, Evakuierungs- und Hilfemaßnahmen örtlich zu ergreifen.

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Aber sowohl diese Faxmeldung als auch andere am Morgen und am Vormittag aufeinanderfolgende Nachrichten, die Ortschaften am Tanaro betreffend (von Garessio bis Ceva, von Alba bis Asti), die schon unter Wasser liegen, bleiben unbeachtet: Da es ein Feiertag ist, sind die Büroräume leer.

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Unterdessen schwillt der Tanaro weiter an. Am späten Nachmittag wird das Fußballmatch Alessandria-Bologna auf einen anderen Sonntag verschoben.
Gegen 12:00 Uhr bricht der Tanaro die  Dämme, überschwemmt rasch die Vochieri-, die Casale-, und die Virginia-Marini-Straße und erreicht nach und nach die Innenstadt.

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Der Eisenbahndamm der Alessandria-Asti-Linie, der als Deich gedient  hatte, beginnt, an verschiedenen Stellen zu brechen und verursacht ab 13:00 Uhr die schnelle Überschwemmung der Vororte San Michele, Borgo Cittadella, Astuti und Giardinetto.
Gegen 13:30 Uhr werden die Dämme des Orti-Viertels fortgerissen und kurz danach ist das Wasser schon über 2 Meter hoch. Die Fließge- schwindigkeit ist erschreckend. Das Wasser strömt durch die Straßen, der  schlammige Fluss verschlingt Häuser und Wagen und reißt Menschen, Tiere und Sachen mit. Geschäfte, Keller und Erdgeschosse sind durchflutet, während sich überall ein stechender Geruch von Gasöl ausbreitet.

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Nichts funktioniert mehr: es gibt keinen elektrischen Strom, kein Trinkwasser, kein Gas, keine Telefonleitung.

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Das Wasser hört nicht auf  zu steigen, bis in den Abend hinein.

Alessandria, Spalto Borgoglio

6.  November 1994,  13:40 Uhr

Alessandria, Spalto Borgoglio

6. November 1994,  13:50 Uhr

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Manche flüchten in die oberen Stockwerke, zu Freunden oder auf die Dächer, manche halten sich an Baumästen fest. Andere befinden sich zum Glück in höher gelegenen Stadtteilen, aber einige erliegen leider.

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Die Stadtlandschaft sieht am Nachmittag irreal aus: überall schlammiges und moderiges Wasser, Hilferufe, Klagen, Verzweiflungsschreie hallen verworren wider und mischen sich mit dem dumpfen Surren der Motoren der Hubschrauber, die am bleiernen Himmel fliegen, mit den Sirenen der Krankenwagen und der Feuerwehr.
Am Abend dann nur Dunkelheit und Todesstille.
Im Lauf weniger Stunden hat die Gewalt des Tanaro drei Viertel der Stadt in die Knie gezwungen . Das restliche Viertel der Stadtbewohner verbringt einen normalen Sonntagnachmittag und ahnt die Katastrophe noch nicht: Sie werden erst später von den Massenmedien erfahren, dass die Stadt überschwemmt ist.

  Kartografische Darstellung der überschwemmten Gebiete :

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Gesamtansicht Mündung der Bormida in den Tanaro Stadtzentrum


Montag, den 7. November 1994

Das Wasser tritt in der Nacht zurück und hinterlässt eine Schicht von glitschigem und übel riechendem Schlamm, der alles umhüllt bis  die Umrisse nicht mehr erkennbar sind.
Um 6:00 Uhr ist die Zitadellenbrücke schon wieder befahrbar.
Um 7:00 Uhr fliegen Hubschrauber und fahren die Fahrzeuge der städtischen Polizei, der Feuerwehr mit Schlauchbooten an Bord, und des Katastrophenschutzes fahren auf die am schwersten befallenen Gegenden zu.

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Um 12:00 Uhr ist das Wasser in der Giordano-Bruno-Straße noch 1 Meter hoch und die städtischen Polizisten fahren in einem Boot , um die Bewohner des Stadtviertels zu retten. Hektisch kommen und gehen betroffene und neugierige Menschen; Befehle, Gegenbefehle und Kommentare kreuzen sich, gelbe und blaue Lichter blinken dauernd, aber am späten Nachmittag strömt das Wasser auf der Höhe des Hotels „San Michele“ noch schnell, auch wenn sein Stand erheblich gesunken ist. Es ist daher noch gefährlich, jene Straßenstrecke zu befahren.

Dienstag, den 8. November

Das Wasser ist zurückgegangen, nur die Felder bleiben noch unter Wasser.
Das Unheil erweist sich als dramatisch. Überall herrscht Zerstörung während Ärgergefühle allmählich die Angst zurückdrängen.
Die folgenden Tage sind deshalb am schmerzhaftesten und die „Arbeit“ wird jahrelang nicht aufhören.


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